• /Bild/Parkhaus
    Das Parkhaus ist ein Ort der Richtungen. Von oben fährt man hinab – oder umgekehrt. Links und rechts befährt man Lücken, um sein Eigentum an einem sicheren Ort zu wähnen; Ordnung ist das Prinzip. Diese Ordnung wird gestört durch eine Frau, die langsam, unauffällig und mit Sorgfalt den Lack an der gesamten Seite eines Autos mit ihrem Schlüssel zerkratzt.
    Nicht weit entfernt stößt ein Mann mittleren Alters hinzu, der einen Anzug trägt. Er sieht, dass sich die Frau hinter dem Auto befindet und sie bemerkt in dieser Sekunde, dass sie beobachtet wird.

    Der Betrachter wird zunächst beide Personen wahrnehmen, ehe er ihre Handlung am Auto erkennt und interpretiert. Man sieht, dass die Frau durch die Blicke des Mannes in Ihrer Handlung beeinflusst wird. Das vermeintliche Loslaufen des Mannes impliziert sein sofortiges Eingreifen und Bestreben, die für ihn noch nicht erkennbare Situation aufzuklären.
  • In welchem Verhältnis stehen Mann und Frau? Der Betrachter weiß nicht, ob sie sich vorher gekannt haben, ob der Mann ihr Vorgesetzter, Liebhaber oder Vater ist. Vielleicht möchte sie sich bei ihm für etwas rächen und findet keinen adäquaten Ersatz, um ihm angreifen zu können oder er ist einfach nur Zeuge einer anonymen Straftat geworden.

    Ebenso bleibt unklar, wie beide im Folgenden handeln werden. Schafft sie es, den Schlüssel rechtzeitig zu verstecken? Wird sie ihn ablenken können oder muss sie eine Geschichte erfinden? Der Betrachter ist zwar Herr der Sehebene, aber kann sich nur fragen, wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte.
  • /Bruecke
    Im nächsten Motiv geht es darum, dass jemand eine andere Person beim Suizid beobachtet oder die Suizidhandlung zu spät erkennt.
    Ein Passant überquert eine Brücke und dreht sich im Gehen um, weil er ein Geräusch oder eine Bewegung bemerkt. Er sieht, wie eine Personen, die eben noch am Brückengeländer stand, nun plötzlich verschwunden ist. Darüber hinaus fährt ein Auto am Geschehen vorbei; auf dessen Rücksitz befindet sich ein kleines Kind, das den Passanten anlacht.

    Der verwirrte Blick des Mannes auf der Brücke wird die Aufmerksamkeit des Betrachters in die Richtung des Fallenden leiten, der nur noch mit seinen Beinen im Bild erkennbar bleibt. Das verursacht die Irritation. Der Blick des Kindes im Auto fällt dem Betrachter ebenfalls auf: Es ist nicht der Fahrer, sondern jemand, der sich nicht auf die Steuerung des Fahrzeugs konzentrieren musste und somit zum vermeintlichen Zeugen des Geschehens wird.
  • Da der fahrende PKW schneller ist als ein Fußgänger, ist es möglich, dass die Insassen dieses oder des nächsten herannahenden Fahrzeuges die Menschen auf der Brücke zusammen gesehen haben – eben in jenem Moment, als ihre Körper sich aus der jeweiligen Perspektive überschnitten.
    Was geschah vorher? Dem Betrachter bleibt es verschlossen, ob es einen vorangegangenen Bezug zwischen dem Passanten und dem Selbstmörder gab, ob er vielleicht sogar von der Brücke gestoßen wurde. Ferner bleibt unklar, ob der Passant die Polizei alarmieren wird oder sogar selbst unter Verdacht geraten könnte, weil der Autofahrer möglicherweise die Situation falsch eingeschätzt hat.
    Letztlich bleibt auch die Frage offen, warum das Kind lachend im Auto sitzt.

    Die beleuchteten Wohnhäuser im Hintergrund erinnern an den Fortlauf der Zeit für alle Personen, die nicht unmittelbar in das Geschehen involviert sind.
  • /Bahn
    Die Bahn ist ein öffentliches Verkehrsmittel im urbanen Raum. Menschen verschiedenen Charakters, unterschiedlicher Herkunft und Aussehens benutzen sie. Was sie vereint, ist der gemeinsame Weg.
    In einer Straßenbahn sitzen mehrere Personen, die einem Mann, der sie mit einer Waffe bedroht, ins Gesicht sehen. Die Gesichter der Fahrgäste spiegeln etwas zwischen Angst und Hinweis gegenüber jemandem, der nicht im Bild, sondern anscheinend gleich neben der Kamera, dem allwissenden Betrachter, steht. Ein Kind spielt mehr oder weniger unbemerkt und dem Bewaffneten zugewendet mit einem Spuckrohr – dieser hat den Jungen noch nicht wahrgenommen.

    Die Szene wirkt zunächst wie die normale Innenansicht eines gut gefüllten Straßenbahnwagens. Die Gesichter der Menschen sind jedoch nicht so apathisch wie man erwarten würde, sondern drücken Anspannung, Verwirrung und Angst aus. Erst auf den zweiten Blick wird eine Waffe erkennbar, die bedrohlich von einer den Passagieren zugewandten Person (mit unbekanntem Gesicht, da von hinten gezeigt), auf sie gerichtet wird.
  • Der Betrachter erkennt nun die Gefahrensituation und kann das, was er sieht ins Geschehen einordnen. Der Bewaffnete hat bisher weder den angedeuteten, außenstehenden Menschen gesehen, noch wurde er bisher erkannt. Das Spuckrohr eines Kindes wird plötzlich zu einer weiteren gefährlichen Waffe, die den bewaffneten Mann gefährlich erschrecken und so eine spontane Reaktion auslösen könnte.

    Für den Betrachter stellt sich die Frage wie lange die Insassen der Bahn dem Unbekannten ausgesetzt sind und ob sie die Gefahr wahrnehmen. Ist die dargestellte Situation sogar eine Geiselnahme? Ferner bleibt unklar, welche Rolle dem Nicht-Abgebildeten zu tragen kommt?
    Die Insassen könnten zudem in Panik geraten, was die Gefahr erhöht, dass der Unbekannte Ihnen etwas antut. Wird die hinzukommende Person die Andeutungen der Fahrgäste verstehen und schnell genug eingreifen können? Wird er oder sie genügend Feingefühl aufweisen?
  • /Feldweg
    Auf einem nächtlichen Feldweg steht ein Auto, dessen Scheinwerfer noch eingeschaltet und die Fahrertür geöffnet ist, was auf eine kurze Unterbrechung der Fahrt hindeutet. Auf dem Beifahrersitz sitzt eine Frau, die sehr bedrückt und traurig wirkt, deren Schminke von Tränen verschmiert ist. Sie schaut ins Leere. Ihre Körperhaltung und Mimik vermitteln den Eindruck, als hätte sie aufgegeben. Eine weitere Person ist am rechten Rand des Bildes zu sehen. Es ist ein im Mondschein stehender Mann, der gerade nicht auf das Auto achtet und mobil telefoniert.
  • Auch in diesem Motiv ist die Vorgeschichte unklar: In welcher sozialen Beziehung stehen Mann und Frau zueinander; sind sie ein Paar und sieht die Frau den Zeitpunkt gekommen, die Beziehung abzubrechen? Andererseits stellt sich die Frage, ob sie aus der gewonnen Erkenntnis die für sie richtige Entscheidung treffen wird. Weiß er, dass sie weint, aber hat etwas Wichtigeres zu tun? Hält er sein Telefongespräch vor ihr geheim oder will ihr helfen? Wen ruft er an? Hat er sie womöglich entführt und sie sieht im unaufmerksamen Moment des Mannes ihre einzige Chance zur Flucht? Wenn der Schlüssel noch im Schloss steckt, könnte sie wegfahren. Andernfalls müsste sie in die Nacht laufen. Würde er sie einholen oder lässt sie ihre Gelegenheit zur Flucht aus?
  • /Schlafzimmer
    Der intimste Ort des häuslichen Lebens ist mit Sicherheit das Schlafzimmer. Ein Mann und eine Frau schlafen miteinander. Durch das offen gehaltene Erdgeschoss dringt Tageslicht. Die Frau sieht mit ernstem Blick aus dem großen Fenster, wo ein weiterer Mann zu sehen ist, der in das Zimmer schaut.

    Zunächst wird das miteinander beschäftigte Paar erkannt. So erwartet der Betrachter die Szene und ist irritiert, wenn er merkt, dass nicht beide in die Aktivität vertieft sind, sondern die Frau mit bestimmtem Blick nach draußen schaut, wo der andere Mann steht. Wenn der Betrachter genau hinsieht, wird ihm auffallen, dass der Mann im Inneren des Zimmers derselbe ist (oder genauso aussieht) wie der vor dem Haus. Er starrt, angelehnt an die Fensterscheibe, ins Innere.
  • In welcher Beziehung die beiden Männer zueinander und zur Frau stehen ist eine der zentralen Fragen des Betrachters. Steht der Beobachter zufällig vor dem Fenster oder ist er eine pure Vorstellung der Frau? Hat er sie schon gesehen? Wie wird die Situation fortgeführt? Der Betrachter wird sich unter anderem fragen, ob die Frau sich am Beobachter rächen will, sie gerade erwischt wurde oder er etwas unternehmen wird, um ins Haus zu gelangen.
    Bemerkt der Mann im Bett, was um ihn herum geschieht?